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Monatsimpuls - 01/2026

Steh auf und geh los!

Und? Welche wichtigen Entscheidungen gilt es für dich zu treffen?

„Irgendwie fühle ich mich lost!“ hatte er mich wissen lassen. „Obwohl ich so viele Chancen hab, weiß ich gerad nicht, wie’s weiter gehen soll! – Ganz schön depri!“ Lange sprachen wir miteinander. Ich versuchte dieses Gefühl der Verlorenheit tief an mein Herz zu lassen. Was konnte helfen, wieder Mut zu fassen? Ich teilte das Märchen vom Wunderknaben: Schon in jungen Jahren hatte dieser die Geheimnisse der ganzen Welt erkannt. Irgendwann drängte es ihn, aufzubrechen, um Neues zu entdecken.  So ging er los. Immer wieder kam er an Weggabelungen, an denen er sich für eine Richtung entscheiden musste. Das fiel ihm schwer. Er hatte den Eindruck, durch die Wahl eines Weges den anderen ‚zu verlieren‘. Das machte ihn traurig. Als er sich am Ende seines Lebens erschöpft auf einen Stein setzte und zurückschaute, nahm er erstaunt wahr, dass er auf einem Berggipfel angekommen war. Er schaute über alles, auch über die Wege, auf die er verzichten musste. Erstaunt stellte er fest, dass er ein Leben lang aufwärts gegangen war.

Was allein zählt, ist aufzustehen und loszugehen. So war es auch dem Philippus ergangen, von dem die Apostelgeschichte erzählt. Ein Engel hatte ihn gedrängt, aufzustehen und loszugehen. (vgl. Apg 8,26) Übrigens: Mein junger Freund hat sich auch gewagt. Er ist mittlerweile zu einem Studien-Semester ins Ausland aufgebrochen. Also: Steh auf und geh los!

Ein Engel des Herrn sagte zu Philippus: „Steh auf und geh!“ (Apg 8,26)

Monatswort Übersetzungen

Erfahrungen des Monats

Spontan kam mir ins Herz: Geh zum Friseur. Ich rief an und konnte sofort kommen. Seit langem bediente mich einmal wieder der Chef des Geschäftes. Ich kenne ihn seit Jahren. Er ist gläubiger Muslim und stammt aus einem nordafrikanischen Land. Ich erzählte ihm die Erfahrung, die ich beim Tod des Vaters einer jungen Muslima hatte machen dürfen. Fern von ihrer Heimat bot ich ihr Raum, in ihrer neuen Heimat ein Totengedenken für ihren Vater zu halten. Sie sagte zur und fand im Erzählen über ihren Vater in einen tiefen Frieden. Mit größter Aufmerksamkeit hörte mein Friseur mir zu. Ich sah, dass er bewegt war. Dann sagte er zu mir: „Weißt du, in den ersten Tagen des letztjährigen Ramadan ist meine Mutter bei uns zu Hause gestorben!“ Dann begann er, mir Schritt für Schritt ihrer letzten Lebenswochen zu erzählen, wie er leider bei ihrem Tode nicht hatte dabei sein können, aber wie er schon am Abend des Tages in seinem Heimatland war und wie sie als große Familie den Abschied gefeiert hatten. Wir sprachen über Frieden im Leben, über die Ewigkeit und über das Paradies. Das Haare-Schneiden dauerte deutlich länger als gewohnt. Am Ende sagte er mir: „Boh, wie gut das getan hat, einfach alles mal erzählen zu können. Das kann ich nur mit wenigen Menschen teilen.“ – „Ja, wofür Haare nicht gut sein können“, scherzte ich. Tief erfüllt verabschiedeten wir uns.

Viele Jahre hatte sie in unserer Stadt gelebt. Dann war sie altersbedingt zu ihrer Tochter gezogen. Seither hatten wir noch losen Kontakt über einen Messenger-Dienst. Immer wieder reagierte sie mit kurzen Worten auf die Tagesmotto und ich spürte, wie sehr sie bestrebt war, einen jeden Tag in ihrem Alter voller Bewusstheit zu leben. Am Dreikönigstag des neuen Jahres war das Motto: „Hab Mut, aufzubrechen!“ Sie schrieb: „Das brauche ich! HEUTE ziehe ich um ins Altenheim!“ Ich versprach ihr mein Gebet. Am Folgetag war unser Motto: „Nur wenn du aufbrichst, findest du das Licht!“ Am Abend dieses Tages schrieb sie: „Angekommen, angenommen!“

Es war ein unsagbarer Schmerz. Seit Jahren kannte ich sie und war mit ihnen auf dem Weg. Sie waren als Flüchtlinge unter schwersten Bedingungen in unser Land gekommen. Jetzt war – völlig unerwartet – ihr Vater in ihrer Heimat gestorben. Sie konnten es nicht fassen. Am nächsten Tag besuchte ich sie. Gemeinsam mit Freunden hielten wir mit ihnen das Unfassbare aus, versuchten ein wenig zu trösten. Für den Folgetag schon war in ihrer muslimischen Heimat die Beerdigung angesetzt. Ihr Vater hatte sie über alles geliebt. Jetzt konnte sie nicht zu seiner Beerdigung kommen. Mir kam die Idee, parallel zu seiner Beisetzung bei uns ein Totengedenken zu halten. Sie willigte ein. Ich lud sie ein, auf eine in einem Weihrauchfässchen glühende Kohle einzelne Harzkörner zu werfen und dabei Erinnerungen an ihren Vater zu erzählen. Gern tat sie das. Ich reagierte mit dem, was mein Herz mir sagte und warf ebenfalls ein Weihrauchkörnchen auf die Kohle. All diese Erinnerungen wurden Gebet und stiegen empor. Wir erzählten lange. Raum und Zeit verloren an Bedeutung. Eine Verbundenheit mit dem Himmel war spürbar – lebendige Gegenwart, über alle Grenzen hinweg. Als ich sie nach Hause brachte, sagte sie: „Ich habe einen Vater verloren, ein anderer ist mir hier in Deutschland geschenkt worden.“

Auf einem U-Bahnsteig fiel mein Blick auf einen jungen Mann. Ich nahm wahr, dass ein anderer jüngerer Mann asiatischen Aussehens ihm aus dem Weg zu gehen versuchte. Der erst genannte ließ ein paar pöbelnde Worte fallen, so dass der Fremde angstvoll wegging. „Oh immer diese Ausländer, hat der dich auch angemacht?“ fragte mich der junge Mann. Verwundert schaute ich ihn an und sah in seinen Augen, dass er unter Drogen stand. „Nein, ganz im Gegenteil!“ antwortete ich. Seine Bemerkungen wurden verallgemeinernd und aggressiv. „Die sollen doch alle abhauen und nach Hause gehen!“ – „Um Gottes Willen“, erwiderte ich, „dann würde unser ganzes Land zusammenbrechen. Und ich habe viele Freunde, die in anderen Ländern geboren sind und die mich durch ihre Art total bereichert haben!“ Mit großen erstaunten Augen sah mich der junge Mann an. „Das ist auch ne Haltung!“ erwiderte er. Dann reichte er mir seine Hand und sagte: „Sie haben mir heute sehr geholfen!“

In ihrem letzten Schuljahr hatte sie von der Möglichkeit erfahren, ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Jugendzentrum in Sarajevo zu absolvieren. Nachdem sie sich gut informiert hatte und über längere Zeit vorbereitet worden war, machte sie sich auf den Weg. Zu Weihnachten kam sie für ein paar Tage zu ihrer Familie nach Hause. Wir trafen uns zu einem Austausch. Gebannt hörte ich ihren Erfahrungen zu und war erstaunt, wie sehr sie in diesen Monaten gewachsen war. Sie hatte gelernt, sich selbst wahrzunehmen und herauszufinden, was sie zu einem ausgewogenen Leben an Beziehungen und an Zeit für sich allein brauchte. Hatte ich sie zaghaft, wortkarg und eher schüchtern in Erinnerung, erlebte ich sie jetzt reflektiert, wortreich und voller Tatendrang. Als wir uns verabschiedeten sagte sie mir: „Auch wenn’s zu Hause sehr schön ist, freue ich mich jetzt, wieder nach Sarajevo aufzubrechen!“ Wie gut, dass sie nach ihrem Abi den Mut hatte, aufzustehen und loszugehen.

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