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Ich bin glücklich!

Auf einem U-Bahnsteig fiel mein Blick auf einen jungen Mann. Ich nahm wahr, dass ein anderer jüngerer Mann asiatischen Aussehens ihm aus dem Weg zu gehen versuchte. Der erst genannte ließ ein paar pöbelnde Worte fallen, so dass der Fremde angstvoll wegging. „Oh immer diese Ausländer, hat der dich auch angemacht?“ fragte mich der junge Mann. Verwundert schaute ich ihn an und sah in seinen Augen, dass er unter Drogen stand. „Nein, ganz im Gegenteil!“ antwortete ich. Seine Bemerkungen wurden verallgemeinernd und aggressiv. „Die sollen doch alle abhauen und nach Hause gehen!“ – „Um Gottes Willen“, erwiderte ich, „dann würde unser ganzes Land zusammenbrechen. Und ich habe viele Freunde, die in anderen Ländern geboren sind und die mich durch ihre Art total bereichert haben!“ Mit großen erstaunten Augen sah mich der junge Mann an. „Das ist auch ne Haltung!“ erwiderte er. Dann reichte er mir seine Hand und sagte: „Sie haben mir heute sehr geholfen!“

In ihrem letzten Schuljahr hatte sie von der Möglichkeit erfahren, ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Jugendzentrum in Sarajevo zu absolvieren. Nachdem sie sich gut informiert hatte und über längere Zeit vorbereitet worden war, machte sie sich auf den Weg. Zu Weihnachten kam sie für ein paar Tage zu ihrer Familie nach Hause. Wir trafen uns zu einem Austausch. Gebannt hörte ich ihren Erfahrungen zu und war erstaunt, wie sehr sie in diesen Monaten gewachsen war. Sie hatte gelernt, sich selbst wahrzunehmen und herauszufinden, was sie zu einem ausgewogenen Leben an Beziehungen und an Zeit für sich allein brauchte. Hatte ich sie zaghaft, wortkarg und eher schüchtern in Erinnerung, erlebte ich sie jetzt reflektiert, wortreich und voller Tatendrang. Als wir uns verabschiedeten sagte sie mir: „Auch wenn’s zu Hause sehr schön ist, freue ich mich jetzt, wieder nach Sarajevo aufzubrechen!“ Wie gut, dass sie nach ihrem Abi den Mut hatte, aufzustehen und loszugehen.

„Irgendwie fühle ich mich lost!“ hatte er mich wissen lassen. „Obwohl ich so viele Chancen hab, weiß ich gerad nicht, wie’s weiter gehen soll! – Ganz schön depri!“ Lange sprachen wir miteinander. Ich versuchte dieses Gefühl der Verlorenheit tief an mein Herz zu lassen. Was konnte helfen, wieder Mut zu fassen? Ich teilte das Märchen vom Wunderknaben: Schon in jungen Jahren hatte dieser die Geheimnisse der ganzen Welt erkannt. Irgendwann drängte es ihn, aufzubrechen, um Neues zu entdecken.  So ging er los. Immer wieder kam er an Weggabelungen, an denen er sich für eine Richtung entscheiden musste. Das fiel ihm schwer. Er hatte den Eindruck, durch die Wahl eines Weges den anderen ‚zu verlieren‘. Das machte ihn traurig. Als er sich am Ende seines Lebens erschöpft auf einen Stein setzte und zurückschaute, nahm er erstaunt wahr, dass er auf einem Berggipfel angekommen war. Er schaute über alles, auch über die Wege, auf die er verzichten musste. Erstaunt stellte er fest, dass er ein Leben lang aufwärts gegangen war.

Was allein zählt, ist aufzustehen und loszugehen. So war es auch dem Philippus ergangen, von dem die Apostelgeschichte erzählt. Ein Engel hatte ihn gedrängt, aufzustehen und loszugehen. (vgl. Apg 8,26) Übrigens: Mein junger Freund hat sich auch gewagt. Er ist mittlerweile zu einem Studien-Semester ins Ausland aufgebrochen. Also: Steh auf und geh los!

Ein Engel des Herrn sagte zu Philippus: „Steh auf und geh!“ (Apg 8,26)

Mit 14 Jahren war er unter einen Bus geraten und noch am Unfallort verstorben. Er war der älteste Sohn seiner Mutter, ihre rechte Hand. Fassungslosigkeit breitete sich aus in unserer Stadt. Ich besuchte seine Mutter. Wir hielten mit ihr und vielen Freunden das Unbegreifbare aus. Das Totengebet hinter einer Moschee und die Beerdigung auf einem muslimischen Gräberfeld bewegten mich sehr. Und doch begann für mich damit das Weihnachtsgeheimnis. An diesem Fest sagt Gott uns in Jesus: „Bin da – in diesem Kind. Bin einer von euch und freue mich über jeden, der kommt und dann auch da ist. Und so gilt meine Botschaft einem jeden: Gut, dass du da bist!“ Und so war es auf dem Friedhof. Ich war einfach da – mit vielen anderen – und in diesem immensen Leid durften ich in den vielen ehrlichen Gesten der Zuneigung spüren: Es ist noch ein anderer da, er, der uns versprochen hat, bei uns zu sein, wenn wir in SEINEM NAMEN, der Liebe ist, versammelt sind. Weihnachten – Mittendrin.