Ich bin glücklich!
Spontan kam mir ins Herz: Geh zum Friseur. Ich rief an und konnte sofort kommen. Seit langem bediente mich einmal wieder der Chef des Geschäftes. Ich kenne ihn seit Jahren. Er ist gläubiger Muslim und stammt aus einem nordafrikanischen Land. Ich erzählte ihm die Erfahrung, die ich beim Tod des Vaters einer jungen Muslima hatte machen dürfen. Fern von ihrer Heimat bot ich ihr Raum, in ihrer neuen Heimat ein Totengedenken für ihren Vater zu halten. Sie sagte zur und fand im Erzählen über ihren Vater in einen tiefen Frieden. Mit größter Aufmerksamkeit hörte mein Friseur mir zu. Ich sah, dass er bewegt war. Dann sagte er zu mir: „Weißt du, in den ersten Tagen des letztjährigen Ramadan ist meine Mutter bei uns zu Hause gestorben!“ Dann begann er, mir Schritt für Schritt ihrer letzten Lebenswochen zu erzählen, wie er leider bei ihrem Tode nicht hatte dabei sein können, aber wie er schon am Abend des Tages in seinem Heimatland war und wie sie als große Familie den Abschied gefeiert hatten. Wir sprachen über Frieden im Leben, über die Ewigkeit und über das Paradies. Das Haare-Schneiden dauerte deutlich länger als gewohnt. Am Ende sagte er mir: „Boh, wie gut das getan hat, einfach alles mal erzählen zu können. Das kann ich nur mit wenigen Menschen teilen.“ – „Ja, wofür Haare nicht gut sein können“, scherzte ich. Tief erfüllt verabschiedeten wir uns.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ fragte ich drei junge Männer, die mit ihren Kindern gekommen waren, die als Sternsinger unterwegs waren. Mit einem der Männer, gut 35 Jahre alt, entwickelte sich ein lebendiges Gespräch. Er erzählte von seiner Firma, die er selbständig leitete und in der er in der Auto-Branche 25 Mitarbeiter beschäftigte. Sie kamen aus vielen verschiedenen Ländern und hatten oft keine abgeschlossene Berufsausbildung, aber viel praktische Erfahrung. Auch seine Heimat lag weit entfernt von Deutschland in Kasachstan. „Mir ist es wichtig, all denen, die sonst kaum einen Job bekommen, hier eine Chance zu geben!“ ließ er mich wissen. „Und wie gelingt da ein inneres gemeinsames Verstehen?“ fragte ich interessiert nach. „Ich versuche immer herauszufinden, wer was kann und binde die Leute dann in kleine konkrete Projekte in der Firma ein, wo sie einander in ihrer Verschiedenheit kennen und schätzen lernen können! Und das Klima ist richtig gut bei uns, denn die Leute – mit all ihren schweren Erfahrungen – fühlen sich angenommen und akzeptiert!“ Voller Freude sagte ich ihm: „Wirklich ein Stück lebendige Menschheitsfamilie!“ – „So hab ich das noch nie gesehen, aber so ist es wirklich!“ war seine Antwort.
Es war ein unsagbarer Schmerz. Seit Jahren kannte ich sie und war mit ihnen auf dem Weg. Sie waren als Flüchtlinge unter schwersten Bedingungen in unser Land gekommen. Jetzt war – völlig unerwartet – ihr Vater in ihrer Heimat gestorben. Sie konnten es nicht fassen. Am nächsten Tag besuchte ich sie. Gemeinsam mit Freunden hielten wir mit ihnen das Unfassbare aus, versuchten ein wenig zu trösten. Für den Folgetag schon war in ihrer muslimischen Heimat die Beerdigung angesetzt. Ihr Vater hatte sie über alles geliebt. Jetzt konnte sie nicht zu seiner Beerdigung kommen. Mir kam die Idee, parallel zu seiner Beisetzung bei uns ein Totengedenken zu halten. Sie willigte ein. Ich lud sie ein, auf eine in einem Weihrauchfässchen glühende Kohle einzelne Harzkörner zu werfen und dabei Erinnerungen an ihren Vater zu erzählen. Gern tat sie das. Ich reagierte mit dem, was mein Herz mir sagte und warf ebenfalls ein Weihrauchkörnchen auf die Kohle. All diese Erinnerungen wurden Gebet und stiegen empor. Wir erzählten lange. Raum und Zeit verloren an Bedeutung. Eine Verbundenheit mit dem Himmel war spürbar – lebendige Gegenwart, über alle Grenzen hinweg. Als ich sie nach Hause brachte, sagte sie: „Ich habe einen Vater verloren, ein anderer ist mir hier in Deutschland geschenkt worden.“
Viele Jahre hatte sie in unserer Stadt gelebt. Dann war sie altersbedingt zu ihrer Tochter gezogen. Seither hatten wir noch losen Kontakt über einen Messenger-Dienst. Immer wieder reagierte sie mit kurzen Worten auf die Tagesmotto und ich spürte, wie sehr sie bestrebt war, einen jeden Tag in ihrem Alter voller Bewusstheit zu leben. Am Dreikönigstag des neuen Jahres war das Motto: „Hab Mut, aufzubrechen!“ Sie schrieb: „Das brauche ich! HEUTE ziehe ich um ins Altenheim!“ Ich versprach ihr mein Gebet. Am Folgetag war unser Motto: „Nur wenn du aufbrichst, findest du das Licht!“ Am Abend dieses Tages schrieb sie: „Angekommen, angenommen!“