Ich bin glücklich!
Ungeplant musste eine Mathearbeit nachgeholt werden und so galt es, die geplante navi4life Veranstaltung an einer großen Gesamtschule in ein neues Design zu bringen. Und plötzlich war in diesem so eng getakteten System Schule auf einmal Zeit. Ich hatte noch Kuchen mitgebracht. Wir saßen in einer kleinen Gruppe von Lehrern und Lehrerinnen zusammen. Zusehend wuchs Vertrauen. „Das Leben hat dich ja wirklich an die Enden der Erde gebracht. Gab’s da einen besonderen Augenblick, den du nie wieder vergessen wirst?“ wurde ich gefragt. Ich erzählte von zwei Monaten, die ich in einem Bunker in Sarajevo nach dem Krieg auf dem Balkan verbracht hatte, um den Jugendlichen der Stadt nahe zu kommen. Und ich erzählte von einer Nacht, in der ich in ein tiefes Loch fiel und alles, was ich da tat, in Zweifel zog. Es war schwer und tränenreich. Und ich erzählte, dass ich im Rückblick durch diese Erfahrung das Geheimnis des Weizenkornes verstanden hätte. „Ich hab nichts mehr gespürt, nur Kälte, Nässe und Dunkelheit. Kein Licht mehr. Keine Perspektive … Und heute steht an dieser Stelle das große Jugendzentrum Johannes Paul II. mitten im Herzen von Sarajevo.“ Als ich dann in die Augen des Fragenden schaute, spürte ich seine tiefe Dankbarkeit für dieses geteilte Leben.
Dankbaren Herzens hatten wir in einem schlichten und doch feierlichen Gottesdienst auf 40 Jahre Priestertum zurückschauen können. Menschen unterschiedlichster Couleur waren gekommen, Glaubende und Nicht-Glaubende. Es wurde ein Fest, an dem eine unsichtbare Gegenwart viele Herzen berührte und beim anschließenden Imbiss in Begegnung brachte. Zwei Verantwortungsträger aus dem schulischen Bereich waren gekommen. Am folgenden Tag traf ich den einen in seiner Schule. Im Trubel des Schulalltags standen wir eine knappe Minute auf einem der Flure zusammen. Unsere Augen begegneten sich. „Danke, dass du gestern mit dabei warst“, ließ ich mein Gegenüber noch einmal verstehen. „Das hat mir viel bedeutet!“ Ein paar Augenblicke inneren Schweigens folgten und dann durfte ich hören: „Der Tag gestern war ein total bewegender und bedeutsamer Tag für mich. Sehr, sehr bedeutsam. Ich habe Kirche erlebt, wie Christus sie vorgelebt hat, weltoffen - barmherzig - fürsorglich - ehrlich - zugewandt.“ Dann gingen wir auseinander.
Wir hatten uns mit navi4life auf den Weg in den Kanton Aargau in der Schweiz gemacht und dort mit 8 Mitarbeitenden aus der Jugendarbeit einen sehr intensiven Workshop erleben dürfen. Firm4life war unser Thema, jungen Leuten als Kirche zu helfen, stark für ihr eigenes Leben zu werden. Eine große Offenheit hatten wir spüren dürfen und am Ende der gemeinsamen Zeit eine sehr hoffnungsvolle Stille. In der Frühe des nächsten Tages machten wir uns wieder auf den Heimweg. Abends durften wir in einer Voice-Mail hören: „Das Team, hat sich heute morgen gleich hingesetzt, das Übergangsjahr völlig neu aufgestellt und auch für die Firmung neue Module eingearbeitet. Ich habe sie stundenlang in unserem Sitzungszimmer gesehen mit euren Büchern und der firm4life-Mappe; sie waren am werken und haben neue Flyer gestaltet. Also euer Kommen und der so lebendige Workshop haben wirklich extrem etwas ausgelöst. Vielen Dank, dass ihr eigens so weit gekommen seid!“
Eher zufällig trafen wir uns nach einem Gottesdienst. Sie waren ein Paar. Aufmerksam hatte die Frau meiner Predigt zugehört. Sie fragte nach meiner Arbeit. Ich begann zu erzählen, dass ich mich dafür einsetze, junge Menschen firm für ihr Leben werden zu lassen – und das auch in Brennpunkt-Schulen. Sie sollten eine Chance bekommen, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Ich erzählte von einer Klasse, in der ich mit 95 % muslimischen Jugendlichen gearbeitet hatte. Die Frau ließ mich verstehen, dass sie auch Muslima war. „Ich war bei der Predigt, als du von Gott gesprochen hast, so tief berührt. Mein Herz wurde ganz warm!“ Dann schwieg sie, schaute mich mit großen Augen an. Augenblicke der Stille folgten. „Es hat so gut getan“, durfte ich noch hören, dann gingen die beiden. Ein Wort von Isaac dem Syrer kam mir in den Sinn: „Es gibt nur eine Sünde, kein Gespür für den Auferstandenen zu haben!“