Ich bin glücklich!
Viel Enttäuschung über innerkirchliche Prozesse und Struktur-Debatten hatten mir Menschen anvertraut. Bei vielen spürte ich eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Mir kam die Frage: Wo können die vielen positiven Erfahrungen, die wir im Netzwerk go4peace mit vielen jungen Menschen machen dürfen, ihren Platz finden? Ich las das Sonntags-Evangelium. „Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Senfkorn. Es ist das kleinste der Körner und wächst zu einem großen Baum empor, so dass sogar die Vögel in seinen Zweigen nisten können.“ Dieses Wort ermutigte mich, unseren Weg weiterzugehen und unsere Erfahrungen weiterhin zu teilen. Einen Tag später erreichte mich ein Brief aus Frankreich. Er kam von einem schwedischen lutherischen Pastor. Er verbrachte einige Tage mit einigen jungen erwachsenen aus seiner Pfarrei in Taizé. Er schickte mir genau dieses Wort vom Senfkorn! Und so las ich erneut, dass in der ausgewachsenen Pflanze des Senfkorns Vögel ihre Nester bauen und Schatten suchen. Wie viele „Zugvögel dieser Zeit“, so nenne ich die junge Generation gerne, hatte in den vergangenen Monaten auf den Zweigen unseres Baumes Halt gemacht und Ermutigung für ihr Leben finden dürfen.
Der Leiter einer großen weiterführenden Schule rief mich an: „Stell dir vor, gestern hatten wir eine große Konferenz für Schulentwicklung in unserem Stadtteil. Viele Verantwortungsträger der Stadt und der Schulen waren gekommen. Nebenher auch einige Schüler meiner Schule. Auf die Frage, was sich die Jugendlichen auf Zukunft hin an unseren Schulen wünschen würden, kam die Antwort, keinen blassen Schimmer zu haben, wofür das Abitur gut sei. Es ginge doch darum, das Gesamt des Lebens in Blick zu bekommen, es bräuchte eine Wochenstunde, wo es um Lebensführung ginge. Und dann erzählten sie von navi4life. Das wäre total super, aber eben mit zwei Stunden viel zu kurz gewesen. Es wäre sehr sympathisch rüber gekommen und hätte ihnen viel gebracht. So was bräuchte es als Wochenstunde. Bis auf mich kannte niemand deinen Namen und „navi4life“, so dass ich ganz engagiert davon erzählen konnte. Stell dir vor: navi4life wurde in dieser hochoffiziellen Runde von unseren Jugendlichen eingebracht, die ihr so tief berührt und erreicht habt. Ja und noch eins oben drauf: Heute kamen zwei Sechstklässler (!) zu mir und sagten: ‚Das ist total gemein, dass wir navi4life noch nicht machen können. Das muss anders werden.‘Wir wollen doch auch ins Leben finden.“ Was für ein Geschenk am Ende dieses Schuljahres.
Während der Ferienzeit haben wir seit einigen Jahren einen Priester aus Nigeria als Urlaubsvertretung. Am Dienstagabend hatten wir kurzfristig unsere Gemeinde zu einem Afrika-Abend eingeladen. Einige Leute hatten afrikanisches Essen vorbereitet. An diesem Abend fand sich eine bunte Gemeinschaft zusammen. Menschen aus verschiedenen afrikanischen Ländern, einige Jugendliche, Alteingesessene. Alle saßen bunt gemischt an den Tischen, ein Bild, was ansonsten in unserer Gemeinde selten zu sehen ist. Nach dem Essen erzählte der Priester noch von seiner Arbeit in Nigeria. Menschen spendeten spontan für seine Arbeit. Mit dem Erlös wird er Familien in seinem Heimatland unterstützen. Er war sehr glücklich und dankbar. Wie gut, dass wir diesen Abend realisieren konnten. Neue Beziehungen untereinander sind gewachsen und zudem noch eine Nähe zu Nigeria.
Es war heiß, sehr heiß. Die Hitze stand in den Fluren der Schule. Mit Jugendlichen – kurz vor dem Abi – hatte ich gute und gewinnbringende Zeit mit navi4life verbringen können. Der zweite Kurs schloss sich nahtlos an. Die Schüler kamen aus über 20 Ländern der Erde. Ein junger Mann mit Bart fiel mir auf. Schnell fasste er Vertrauen zu mir. Behutsam fragte ich nach seinen Zukunfts-Ideen. Er begann zu erzählen – vor der ganzen Klasse. Er war als unbegleiteter Minderjähriger mit acht Jahren nach Deutschland gekommen, hatte in einem Kinderheim und dann in einer Familie gelebt. Die Frage nach seinem Glauben war ihm ins Herz gekommen. So hatte er ein Jahr lang den Koran studiert und Arabisch gelernt. Ich ließ ihn verstehen, wie sehr mich das Zeugnis seiner so ehrlichen Suche nach Gott berühre. Ich spürte ein tiefes Glück in seinen Augen. Als wir im Kursverlauf weitergingen, stand er auf und kam nach wenigen Augenblicken wieder und brachte eine Flasche Wasser und ein Glas. Seine wachsame Konkretheit rührte mein Herz.