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Entscheidung

Dreißig Schüler*innen hätten kommen sollen, aber es kamen nur fünf. Ein kleiner Unfall, eine lädierte Straßenbahn, fehlerhafte Kommunikation innerhalb der Schule, unerwartete Klausuren, es gab vieles, was zusammen kam. „Entscheide dich, glücklich zu sein!“ war das Modul, das wir den Jugendlichen angeboten hatten. Als ich aufgrund der geringen Zahl einen Anflug von Enttäuschung in meinem Herzen verspürte, entschied ich mich, mit ganzer Kraft, Aufmerksamkeit und Liebe für die fünf Jugendlichen da zu sein. Es wurde ein hervorragender Nachmittag und abends durften wir in der Auswertung lesen: „War super! Macht bitte weiter!“ – „Der heutige Tag war sehr hilfreich für mich. Vor allem der ehrliche Austausch untereinander hat mir sehr gefallen.“ – „Vor allem die Frage: ‚Wieviel Gewissheit brauche ich, um mich zu entscheiden?‘ geht mir sehr nach.“ Zu später Stunde las ich noch in einer Botschaft: „Das Angebot heute war toll und inspirierend. Mein restlicher Tag bestand darin, mir nochmals Gedanken über all die Gesprächsimpulse zu machen und meine Antwort darauf zu finden. Ich bin sehr dankbar für dieses Angebot!“

Predigt Nummer fünf

Ostermontag – der Emmaus-Tag. Die fünfte Predigt. Wie sollte ich das Ostergeheimnis wieder neu „durchbuchstabieren“? Mir war in all den biblischen Ostererzählungen aufgefallen, wie „ergriffen“ die  Freundinnen und Freunde Jesu waren, wenn sie entdeckten, dass Jesus weiter lebt, allerdings auf eine ganz neue Weise. Drei Worte kamen mir in den Sinn: greifen – begreifen – ergreifen, bzw. ergriffen sein. Der Grundgedanke meiner Predigt: Wir lernen schon als Kinder, nach etwas zu greifen und sind, je älter wir werden, bestrebt, immer mehr zu begreifen. Und jetzt stehen wir vor dem Geheimnis der Auferstehung, die weder zu greifen noch zu begreifen ist. Aber es gibt da jemanden, der uns – in aller Freiheit - ergreifen will. Davon sprudeln die Oster-Erzählungen und sie möchten sich heute genauso ereignen, wie zur Zeit Jesu. Ich spürte, wie dieser Dreischritt für viele eine Hilfe schien. Große Aufmerksamkeit war zu spüren. Mit zwei Erfahrungen, die ich mit jungen muslimischen Weggefährten gemacht hatte, verdeutlichte ich das Gesagte. Am Ende des Gottesdienstes kam eine ältere Frau mit zwei Gehhilfen zu mir und sagte: „Ich bin echt gerührt. Sie haben Charisma!“ Schmunzelnd schaute ich sie an und sagte: „Vielleicht sind sie ja ergriffen, dann ist Emmaus nicht mehr weit!“ Lachend verabschiedeten wir uns.

Beim leckeren Tee

Seit gut einem Jahrzehnt war er mit seiner Frau in unserem Land. Zu Anfang hatte ich den beiden sehr helfen können. Mittlerweile waren sie gut integriert und lebten vorbildlich mit ihren kleinen Kindern. Aber nicht alle wollten ihnen gut. So hatten sie immer wieder Böswilligkeiten auszuhalten, gegen die sie sich zum Teil anwaltlich wehren mussten. So erreichte mich die Frage, ob ich ein wenig Zeit habe. Zwei Stunden später saßen wir zusammen. Bei einem Tee hörte ich lange zu und konnte Mut machen. Abends erreichte mich eine Botschaft: „Ich bin dir sehr dankbar für die schöne Zeit und den leckeren Tee. Immer,  wenn wir uns sehen, atmet meine Seele auf. Ich spüre das körperlich und psychisch. Ich bin Gott dankbar für alles, was ich habe. Gute Freunde, meine Familie und die schönen Momente mit Menschen, die wirklich lieben. Danke, dass du bei jedem Gebet an uns denkst. Das schenkt mir viel Kraft, gerade in diesen harten Zeiten. Ich bin mir sehr sicher, dass Gott uns auch jetzt behütet und weiter bringt.“

Zwei verwundete Herzen

Seit dem tragischen Tod eines Teenies, der mit seinem Fahrrad unter einen Bus gekommen war, hatten sich die Verantwortlichen des Unternehmens noch nicht bei der Mutter des verstorbenen Jungen gemeldet, die als Flüchtling in unser Land gekommen war. Nun lebet sie allein mit ihren verbliebenen Kindern. Unter dem Schweigen litt die junge Mutter sehr. So hatte ich beide Seiten zu einem Gespräch zu mir eingeladen, denn ich spürte, wie nötig es war, im geschützten Raum zu reden und einander – in allem Schmerz – ehrlich zu begegnen. In einer anfänglichen Atmosphäre großer Sprachlosigkeit konnte ich – über Religionsgrenzen hinweg Brücken bauen. Lange sprachen wir miteinander. Am nächsten Tag erreichte mich die Botschaft der Mutter: „Vielen lieben Dank! Du hast mir und meinem Herzen ehrlich sehr geholfen!“ Darunter zwei verwundete Herzen.

Du bist einfach da.

Der Schmerz über den tödlichen Unfall ihres Ältesten lastete noch schwer auf ihr. Auch das Zuckerfest am Ende des Ramadan, auf das sie sich immer so gefreut hatte, waren dunkle Stunden für sie. Dann hatten sie die Freunde ihres verstorbenen Kindes besucht. Es waren alles liebevolle Gesten. Doch für sie als Mutter schmerzte die Wunde, das ihr Sohn nie mehr nach Hause kommen würde, um so mehr. Ich saß bei ihr mit einem weiteren Freund aus Syrien. Die Wucht der Verzweiflung, die wir erlebten, hatte ich so nicht erwartet. Ich blieb lange und hielt alles mit aus. Als ich ging, sagte sie mir: „Viele Menschen haben große Worte gemacht und kommen nicht mehr. Ich bin viel allein und irgendwie will ich es auch, denn ich traue mich kaum noch nach draußen. Aber du vergisst mich nicht. Du kommst einfach und bist dann einfach da! Obwohl wir doch aus verschiedenen Religionen sind. Weißt du, was ich verstanden habe? Letztlich, wenn’s schwer wird, zählt nur, ob jemand da ist.

Ein Platz in meinem Herzen

Frieden – dieses kostbare Gut, wie können wir Jugendlichen Wege eröffnen, um selber zu Friedensstifter*innen zu werden? – Mit dieser Frage saßen wir in einem kleinen Team einer Gesamtschule zusammen. Alle 1500 Schüler*innen würden einen kleinen Friedensmahner aus Holz bekommen, aber an welchen konkreten Schritt könnte sie diese kleine Holzstehle immer neu erinnern. Ich erzählte, dass ich Menschen immer wieder verspräche, in schweren und herausfordernden Lebenssituationen an sie zu denken und für sie zu beten. „Ich gebe diesen Menschen dann konkret einen Platz in meinem Herzen und begleite und trage sie dort mit. Oft, wenn ich abends noch in unserer Kirche für sie gebetet habe, stecke ich eine Kerze für sie an und schicke ihnen ein Foto davon. Ich spüre, dass ich in Frieden mit ihnen bin, wenn sie in meinem Herzen sind.“ Ganz aufmerksam hörte eine muslimische junge Sozialarbeiterin zu. „Ich bin ganz gerührt“, ließ sie mich wissen, „diesen Weg, anderen in meinem Herzen einen Ort anzubieten, habe ich noch nie bedacht. Aber ich freue mich, dass jetzt mal ausprobieren zu können. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, erzähle ich dir von meinen Erfahrungen.“

Tu’s für eine bessere Welt!

Sie arbeitete als Praktikantin in unserer Lerngruppe, war gebürtig aus Syrien und hatte vor über zehn Jahren aus ihrer Heimat fliehen müssen. Ich fragte sie vorsichtig, ob sie bereit wäre, den Jugendlichen davon zu erzählen. Sie bejahte und erzählte von ihrer langen Flucht durch Wüsten, über Wasser - immer in der Nacht. Sehr bewegt stellte sie dar, wie alle Menschen eines Bootes, das vor dem ihren unterwegs war, ertrunken waren... Später dann ließ sie mich wissen, dass sie am Tag vor der Präsentation zu Hause geweint hatte. Sie hatte Angst, von all dem zu erzählen, hatte sich dann aber doch überwunden und gedacht hat: „Tu’s für die Kinder und für eine bessere Welt!“ - Nach ihrer Erzählung sagte eine Schülerin: „Das werde ich nie vergessen.“ Ein anderer bemerkte leise: „Ich bin nur noch Gänsehaut.“ Mir fiel das Motto des Tages ein: „Tu, was jetzt zu tun ist.“ Wir schenkten ihr einen Blumenstrauß. Sie sagte uns mit Tränen in ihren Augen: „Ihr seid meine zweite Familie.“

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Wie geht es dir?

Noch schnell zum Briefkasten, denn ich hatte von einer älteren Frau gehört, die sich auf ihre letzte Lebensetappe machte und so hatte ich ihr noch einen Kartengruß geschrieben, der sie noch erreichen sollte. Auf dem Weg traf ich einen Obdachlosen. Er war vor über 10 Jahren aus dem Iran gekommen. Ich hatte ihn und hatte ihn lange nicht gesehen. Ich grüßte ihn kurz. Er sprach mich an, so blieb ich stehen. „Wie geht es dir?“ fragte er mich. Ich schaute ihn an und erwiderte: „Ich bin zufrieden!“ Seine Antwort: „Oh, das hört man selten. Zufrieden sein, im Frieden mit sich sein, das ist das größte Geschenk, denn das kann man mit Geld und mit nichts auf der Welt kaufen. Was für eine Aussage: Im Frieden sein!“ Dann lächelte er mich an, wünschte mir noch einen schönen Abend und sagte: „Ach könnte doch auch ich so im Frieden mit mir sein.“

Einander begegnet

Wir kamen aus verschiedenen Welten und waren uns in einem Seminar begegnet – sie aus Nordafrika, ich aus Europa, sie jung an Jahren und ich schon älteren Semesters, sie im muslimischen Glauben unterwegs, ich im christlichen, sie als Teilnehmerin des Seminars, ich als Impulsgeber … was uns einte war der tiefe Wunsch, für ein lebendiges Miteinander vieler Menschen – Brücken über Gräben bauend – zu leben. Wir saßen beim Abendessen. Sie ließ mich verstehen, wie begeistert sie von dem Projekt „navi4life“ und dem Logbuch „Mein Leben – windschief und glänzend“ war und wie bereichernd sie all meine geteilten Erfahrungen erlebt hatte. „Das müssen ganz viele Menschen, auch in meinem Land mitbekommen. Das musst du über die sozialen Medien teilen. Denn – gerade jetzt im Ramadan – scrolle ich jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde auf meinem Handy. Und in alles, was ansprechend ist und mich interessiert, gehe ich dann kurz hinein. Das geht alles ganz schnell. Aber so geht unser Leben – heute. Und wenn wir dann Vertrauen zu jemandem im Netz fassen, dann möchten wir all das lesen, was dieser eine Menschen, dem wir da zufällig im Netz begegnet sind, sagt!“ Ich schaute in die leuchtenden, lebenshungrigen, vertrauenden und hoffnungsvollen Augen eines jungen Menschen. „Wenn du willst, kann ich dir gern bei all dem helfen, denn das muss gut geplant sein.“ Voller Fragen und voller Vertrauen schaute ich meine junge Gesprächspartnerin an. Ich bin gespannt, was aus dieser Begegnung wachsen will.

Nähe und Geschwisterlichkeit

In einer WhatsApp-Nachricht eines Freundes aus Beirut lese ich: „Niemand weiß, wie es weiter geht.  Diese Nacht sind acht Menschen an der Meer-Promenade unserer Stadt  getötet worden. Sie waren als Flüchtlinge gekommen und hatten sich dort sicher gefühlt. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht, und die Spannungen bleiben groß.  Schule ist wohl sehr wichtig für die Kinder.  Vorgestern hörte ich, dass die Schulen heute wieder geöffnet werden sollten, jedoch ist dies keine landesweite  Entscheidung.  Selbst in unserem Viertel, welches doch als 'ziemlich sicher' angesehen wird, sind die Schulen weiterhin geschlossen. Ein Kriegsende, ein Friedens-Abkommen wären die ersten Schritte. Leider muss ich sagen, dass die Kinder sehr unter diesem (und anderen Kriegen) leiden.  Die Ängste, die Unsicherheit, der Stress, Konzentrationsmangel, Internetgebrauch (Kinder sind oft den ganzen Tag nur vor den Screens!), überforderte Eltern und Lehrkräfte... Es ist wirklich eine Katastrophe. Wir sind noch weit vom normalen Leben entfernt.  Darum weiß ich nicht, oder werde mal mit den Schwestern sprechen, welche Prioritäten im Augenblick vorrangig sind.  Ja, Meinolf, ich weiß nicht, was ich noch sagen kann.  Mir fehlen wirklich die Worte, jedoch versuchen wir in jedem Augenblick neu Nähe und Geschwisterlichkeit zu leben.“ Auch an diesem Abend gehe ich mit all diesem Leid zu Gott. Ihm darf ich alles ans Herz legen.

Ein leiser Impuls

Ein langer Tag mit einem gelungen Workshop und einer vielfältigen Länderpräsentation ging zu Ende. Ich spürte nach einem weiten Weg eine echte Müdigkeit in mir und wollte mich schlafen legen, da der nächste Tag wieder viele Straßenkilometer mit sich bringen würde. Doch mein Herz gab mir den leisen Impuls: „Geh nochmals für ein paar Begegnungen zu den Freiwilligen aus aller Welt!“ So setzte ich mich zu ihnen. Ich spürte ihre Freude über mein Kommen. Ein langes Gespräch über unser Mensch-Sein und über Gott entwickelte sich. Als die meisten schon Schlafen gegangen waren, begann eine junge Freiwillige ihre ganze Not ins Wort zu bringen. Sie stand vor einer Entscheidung und wusste nicht, wie sie sich entscheiden sollte. Lange sprachen wir. Von allen Seiten beleuchteten wir die Frage.  Am Ende fragte ich sie, ob sie einen Draht zu Gott habe. Er war ihr verloren gegangen. Aber unser ehrliches Miteinander ließ sie am Ende sagen: „Weißt du, ich habe Gott aus den Augen verloren, aber heute Abend ist mir in unserem Gespräch etwas aufgeleuchtet, was mir als Kind sehr wichtig war. Ich werde wieder neu beginnen, zu beten.“

Geschichte schreiben

Die Spritpreise waren sehr gestiegen. Abends sah ich, dass ich 4 Cent pro Liter sparen konnte und fuhr an eine Tankstelle, wo ich sonst nur selten tanke. Als ich zur Kasse ging, bediente mich eine jüngere Muslima. Sie trug ein Kopftuch. Sie strahlte mich an und sagte: „Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor!“ – „Dann machen wir jetzt eine Ratestunde!“ scherzte ich. Dann fragte sie mich, ob ich nicht an der Hauptschule Jahr für Jahr die Schuhkarton-Aktion für Waisenkinder in Bosnien veranstaltet habe. Voller Freude bejahte ich. „Ich fand das damals schon so cool, dass Sie sich einfach für andere Menschen verschenken. Mich hat das sehr beeindruckt. Bitte, machen Sie weiter so. Unsere Zeit braucht solche Menschen!“ Berührt und meinerseits beeindruckt verabschiedete ich mich und sagte: „Wie schön, dass Sie Positives erinnern und erzählen und damit stark machen. So schreiben wir gemeinsam Geschichte!“

geteiltes Leben

Viel Schweres hatten wir miteinander geteilt. Ein Jugendlicher, der lange auf seiner Schule gelernt hatte, war an einer Frontlinie in der Ukraine gefallen. Ein großer Schmerz erfüllte sein Herz. In meiner abendlichen Anbetungszeit hatte ich immer wieder für den jungen Mann, seine Familie und seinen Lehrer gebetet. Und dann erreichte mich im Galopp des Tages eine positive Botschaft: „Euer Projekt navi4life für junge Leute ist wirklich wunderbar. Stell dir vor, eine Schülerin, die letztes Jahr dabei war, hat es nun geschafft, im Lehramtsstipendium Ruhr einen Platz zu ergattern. Und: navi4life war ihr mindchanger. Ist das nicht eine tolle Nachricht?“

Gebet über Grenzen hinweg

Nach längerer Zeit war mir der Impuls gekommen, mich bei einer muslimischen Lehrerin mal wieder zu melden. Sie schrieb mir zurück: „Gestern Abend musste ich wieder an dich denken und habe gehofft, dass du mir bald schreibst, weil ich ein neues Handy habe und einige Nummern abhanden gekommen sind wie deine. So schön, dann heute von dir zu lesen.“ Und dann erzählte sie vom vortägigen Fastenbrechen, zu dem viele Menschen gekommen waren und zu dem sie ein besonderes Gebet geschrieben hatte. Darin hieß es u.a.: „In der jüdischen Tradition beten wir: „Gewähre Frieden, Güte und Segen, Gnade, Barmherzigkeit und Erbarmen über uns und über alle Welt.“ Gott des Bundes, breite deinen Schalom aus – nicht als flüchtigen Waffenstillstand, sondern als heilendes Ganz-Sein, als Versöhnung, die Brücken baut, über die Schluchten der Geschichte.- Im christlichen Zeugnis hören wir die Worte Jesu: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht.“ Schenke uns diesen Frieden, der tiefer reicht als Verträge und Grenzen, der Angst verwandelt in Vertrauen und Feindschaft in die Kraft, neu zu beginnen. - Und im Koran heißt es: „Wer einen Menschen rettet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit gerettet.“ Du Gott, der Barmherzige, erinnere uns daran, dass jedes Leben heilig ist und dass kein Blutvergießen deinen Namen ehrt. – Reich beschenkt schrieb ich ihr ein von Herzen kommendes Danke!

Vor dem Baumarkt

Für eine kurze Besorgung war ich zum Baumarkt gefahren. Als ich aus dem Auto stiegt, lief ein Mann mittleren Alters auf mich zu, schaute mich mit großen Augen an und umarmte mich herzlich. Voller Überraschung erinnerte ich mich an ihn. Wir hatten uns sechs bis sieben Jahre nicht gesehen. Er war vor gut einer Dekade aus dem Nahen Osten gekommen und ich hatte ihm anfangs viel helfen können. Später waren auch seine Frau und seine Kinder nachgereist. Auch ihnen hatten ich bei den ersten Schritten in unserem Land behilflich sein können. Als ich in die Augen dieses Mannes schaute und diese – fast kindliche – Freude in ihnen sah, kamen mir – voller Dankbarkeit - all die kostbaren geteilten Lebenserfahrungen wieder ins Herz. Wir sprachen kurz. „Hast du immer noch die gleiche Telefon-Nummer?“ fragte er mich. Ich bejahte. Dann gingen wir tief beglückt, einander wieder begegnet zu sein, unserer Wege. Eine solche Dankbarkeit hatte ich lange nicht mehr erlebt!

Schneeglöckchen

Ihr Schmerz war immer noch unendlich groß. Vor Wochen hatte sie ihren Ältesten, ihre rechte Hand, durch einen tragischen Unfall verloren. Sie war gläubige Muslima. Ihr Glaube war eine große Stütze. Aber ihr Schmerz und die bohrenden Fragen blieben. Immer wieder hatte ich sie besucht, mit ihren drei verbleibenden Kindern ein wenig gespielt und ihr lange zugehört. Wenn die Kinder ins Spielzimmer gingen, konnte sie ihre Tränen zeigen. Ich weinte mit ihr. Ich hatte ihr und ihren Kindern kleine lustige Figuren und in einer kleinen Vase Schneeglöckchen mitgebracht. Am nächsten Tag erhielt ich eine Botschaft von ihr: „Danke von Herzen für deine Unterstützung und deine Hilfe. Und danke auch für die kleinen weißen Blumen. Ich habe gegoogelt. Sie tragen die Bedeutung eines Neuanfangs in sich. Danke dir von Herzen!“

Hals- und Beinbruch

In einer Mail las ich: Meine Chefin hat sich das Bein gebrochen und musste im Krankenhaus bleiben. Sie fällt mindestens für längere Zeit aus, was eine hohe Arbeitsbelastung für unser Team bedeutet. Gesten habe ich sie besucht. Wir haben allerlei geplaudert und ich habe sie gefragt, ob es ok sei, wenn eine gläubige Freundin einmal unseren Betrieb anschauen würde. „Na klar“, war ihre Antwort. "Woher kennen Sie sie?“ Und schon entwickelte sich ein Gespräch, in dem ich zum ersten Mal sagen konnte, dass ich Christin bin, viele Fragen an die Kirche habe, meinem Glauben aber treu geblieben bin und auf der Suche nach neuen Formen, ihn zu leben, sei. Gebannt hörte sie zu und dann ihre Antwort: „Mir geht es genauso.“ Ich war platt, das hatte ich nicht vermutet, Gott war noch nie ein Thema zwischen uns. Dann fragte sie mich, ob ich ein betender Mensch sei und bat mich – nach meiner bejahenden Antwort - um mein Gebet für sie. „Das bedeutet mir sehr viel!“ fügte sie hinzu. - Wofür nicht auch ein Beinbruch gut sein kann! Mit einer innigen Umarmung haben wir uns verabschiedet und uns zugesichert, füreinander zu beten!

Aktives Zuhören

Seit Jahren hatten wir uns nicht mehr gesehen. Er – ein Mitbruder – ging auf die 90 Jahre zu. Bei einem Kongress trafen wir uns wieder. Die Freude war groß. Eines abends setzten wir uns zusammen. Er fragte nach dem Weg navi4life, mit dem wir junge Leute auf ihrem Weg zu stärken versuchen. Schritt für Schritt ging er innerlich mit und fragte nach: „Und wie kommt ihr an die Schulen? Und wie überzeugt ihr die Lehrerteams? Was macht ihr dann mit den Jugendlichen? Wie reagieren sie?“  Ich staunte über seine innere Wachheit und sein lebendiges Interesse. Ich erzählte von unserer Arbeit an Brennpunkt-Schulen. Als wir uns am Ende des Kongresses verabschiedeten, strahlte er mich an und ließ mich wissen: „Eure Arbeit in den Brennpunkten dieser Zeit habe ich besonders im Herzen. Dafür werde ich beten und leben!“

Mitgehen, wenn der Weg zu schwer ist

Seit einigen Monaten begleiten wir zusammen mit einer befreundeten Familie drei junge afghanische Frauen auf ihrem oft schweren Weg in ein neues Leben. Sie leben sehr zurückgezogen und mussten große Ängste bewältigen. In Deutschland erlebten sie, dass Menschen, denen sie ihr Vertrauen geschenkt hatten, ihre Notlage ausnutzen wollten. Ihre Offenheit für unsere Kultur und ihr Entschluss, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, führte dazu, dass einige Menschen der gleichen Herkunft sie aus ihrer Gemeinschaft ausschlossen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag besuchten wir sie, brachten Geschenke und verbrachten einen friedlichen Nachmittag bei ihnen. Unsere Freundin, die auch aus Afghanistan stammt, half bei der Übersetzung und die drei Frauen konnten schon zaghaft ihre neu erworbenen Deutschkenntnisse anwenden. Im Laufe des Nachmittags wurde die Atmosphäre immer entspannter und ihre Augen strahlten. Am Abend erreichte uns eine Nachricht von ihnen: „Es bedeutet uns sehr viel, dass wir nicht alleine sind. Wir kennen sonst niemanden hier richtig. Wir freuen uns immer, dass ihr alle für uns da seid. Danke für alles!“ Das Vertrauen dieser Frauen nach ihren schlimmen Erfahrungen war für uns ein wertvolles Geschenk. Jesus hatte in diesen Momenten seinen Frieden an uns alle verschenkt. Wir freuen uns, den Weg in die Zukunft mit ihnen weiterzugehen.

eine gemeinsame Tasse Tee

Durch einen tragischen Unfall hatte sie ihren Ältesten verloren. Immer wieder hatte ich sie nach diesem Schock besucht. Nun war sie – aus einem orientalischen Land stammend – mit ihren drei kleineren Kindern allein unterwegs. Meine Mutter hatte Socken für die kleineren Kindern gestrickt. Eines Sonntags brachte ich diese Geschenke vorbei. Wir tranken gemeinsam Tee. Mehr und mehr brach die Verzweiflung aus ihr heraus. Ich hörte zu – viele Stunden. Ich hielt diesen unendlichen Schmerz mit ihr aus. Als ich ging, sagte sie: „Für dich ist das ja auch richtig schwer. Denn so einen geteilten Schmerz kannst du ja auch nicht einfach abschütteln. Aber Danke. Mein Herz ist leichter geworden!“