Zum Hauptinhalt springen

Konkrete Projekte

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ fragte ich drei junge Männer, die mit ihren Kindern gekommen waren, die als Sternsinger unterwegs waren. Mit einem der Männer, gut 35 Jahre alt, entwickelte sich ein lebendiges Gespräch. Er erzählte von seiner Firma, die er selbständig leitete und in der er in der Auto-Branche 25 Mitarbeiter beschäftigte. Sie kamen aus vielen verschiedenen Ländern und hatten oft keine abgeschlossene Berufsausbildung, aber viel praktische Erfahrung. Auch seine Heimat lag weit entfernt von Deutschland in Kasachstan. „Mir ist es wichtig, all denen, die sonst kaum einen Job bekommen, hier eine Chance zu geben!“ ließ er mich wissen. „Und wie gelingt da ein inneres gemeinsames Verstehen?“ fragte ich interessiert nach. „Ich versuche immer herauszufinden, wer was kann und binde die Leute dann in kleine konkrete Projekte in der Firma ein, wo sie einander in ihrer Verschiedenheit kennen und schätzen lernen können! Und das Klima ist richtig gut bei uns, denn die Leute – mit all ihren schweren Erfahrungen – fühlen sich angenommen und akzeptiert!“ Voller Freude sagte ich ihm: „Wirklich ein  Stück lebendige Menschheitsfamilie!“ – „So hab ich das noch nie gesehen, aber so ist es wirklich!“ war seine Antwort.

"haarfein"

Spontan kam mir ins Herz: Geh zum Friseur. Ich rief an und konnte sofort kommen. Seit langem bediente mich einmal wieder der Chef des Geschäftes. Ich kenne ihn seit Jahren. Er ist gläubiger Muslim und stammt aus einem nordafrikanischen Land. Ich erzählte ihm die Erfahrung, die ich beim Tod des Vaters einer jungen Muslima hatte machen dürfen. Fern von ihrer Heimat bot ich ihr Raum, in ihrer neuen Heimat ein Totengedenken für ihren Vater zu halten. Sie sagte zur und fand im Erzählen über ihren Vater in einen tiefen Frieden. Mit größter Aufmerksamkeit hörte mein Friseur mir zu. Ich sah, dass er bewegt war. Dann sagte er zu mir: „Weißt du, in den ersten Tagen des letztjährigen Ramadan ist meine Mutter bei uns zu Hause gestorben!“ Dann begann er, mir Schritt für Schritt ihrer letzten Lebenswochen zu erzählen, wie er leider bei ihrem Tode nicht hatte dabei sein können, aber wie er schon am Abend des Tages in seinem Heimatland war und wie sie als große Familie den Abschied gefeiert hatten. Wir sprachen über Frieden im Leben, über die Ewigkeit und über das Paradies. Das Haare-Schneiden dauerte deutlich länger als gewohnt. Am Ende sagte er mir: „Boh, wie gut das getan hat, einfach alles mal erzählen zu können. Das kann ich nur mit wenigen Menschen teilen.“ – „Ja, wofür Haare nicht gut sein können“, scherzte ich. Tief erfüllt verabschiedeten wir uns.

Erinnerungen wurden zum Gebet.

Es war ein unsagbarer Schmerz. Seit Jahren kannte ich sie und war mit ihnen auf dem Weg. Sie waren als Flüchtlinge unter schwersten Bedingungen in unser Land gekommen. Jetzt war – völlig unerwartet – ihr Vater in ihrer Heimat gestorben. Sie konnten es nicht fassen. Am nächsten Tag besuchte ich sie. Gemeinsam mit Freunden hielten wir mit ihnen das Unfassbare aus, versuchten ein wenig zu trösten. Für den Folgetag schon war in ihrer muslimischen Heimat die Beerdigung angesetzt. Ihr Vater hatte sie über alles geliebt. Jetzt konnte sie nicht zu seiner Beerdigung kommen. Mir kam die Idee, parallel zu seiner Beisetzung bei uns ein Totengedenken zu halten. Sie willigte ein. Ich lud sie ein, auf eine in einem Weihrauchfässchen glühende Kohle einzelne Harzkörner zu werfen und dabei Erinnerungen an ihren Vater zu erzählen. Gern tat sie das. Ich reagierte mit dem, was mein Herz mir sagte und warf ebenfalls ein Weihrauchkörnchen auf die Kohle. All diese Erinnerungen wurden Gebet und stiegen empor. Wir erzählten lange. Raum und Zeit verloren an Bedeutung. Eine Verbundenheit mit dem Himmel war spürbar – lebendige Gegenwart, über alle Grenzen hinweg. Als ich sie nach Hause brachte, sagte sie: „Ich habe einen Vater verloren, ein anderer ist mir hier in Deutschland geschenkt worden.“

Angekommen!

Viele Jahre hatte sie in unserer Stadt gelebt. Dann war sie altersbedingt zu ihrer Tochter gezogen. Seither hatten wir noch losen Kontakt über einen Messenger-Dienst. Immer wieder reagierte sie mit kurzen Worten auf die Tagesmotto und ich spürte, wie sehr sie bestrebt war, einen jeden Tag in ihrem Alter voller Bewusstheit zu leben. Am Dreikönigstag des neuen Jahres war das Motto: „Hab Mut, aufzubrechen!“ Sie schrieb: „Das brauche ich! HEUTE ziehe ich um ins Altenheim!“ Ich versprach ihr mein Gebet. Am Folgetag war unser Motto: „Nur wenn du aufbrichst, findest du das Licht!“ Am Abend dieses Tages schrieb sie: „Angekommen, angenommen!“

Im Gegenteil

Auf einem U-Bahnsteig fiel mein Blick auf einen jungen Mann. Ich nahm wahr, dass ein anderer jüngerer Mann asiatischen Aussehens ihm aus dem Weg zu gehen versuchte. Der erst genannte ließ ein paar pöbelnde Worte fallen, so dass der Fremde angstvoll wegging. „Oh immer diese Ausländer, hat der dich auch angemacht?“ fragte mich der junge Mann. Verwundert schaute ich ihn an und sah in seinen Augen, dass er unter Drogen stand. „Nein, ganz im Gegenteil!“ antwortete ich. Seine Bemerkungen wurden verallgemeinernd und aggressiv. „Die sollen doch alle abhauen und nach Hause gehen!“ – „Um Gottes Willen“, erwiderte ich, „dann würde unser ganzes Land zusammenbrechen. Und ich habe viele Freunde, die in anderen Ländern geboren sind und die mich durch ihre Art total bereichert haben!“ Mit großen erstaunten Augen sah mich der junge Mann an. „Das ist auch ne Haltung!“ erwiderte er. Dann reichte er mir seine Hand und sagte: „Sie haben mir heute sehr geholfen!“

Steh auf und jetzt geh los.

In ihrem letzten Schuljahr hatte sie von der Möglichkeit erfahren, ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Jugendzentrum in Sarajevo zu absolvieren. Nachdem sie sich gut informiert hatte und über längere Zeit vorbereitet worden war, machte sie sich auf den Weg. Zu Weihnachten kam sie für ein paar Tage zu ihrer Familie nach Hause. Wir trafen uns zu einem Austausch. Gebannt hörte ich ihren Erfahrungen zu und war erstaunt, wie sehr sie in diesen Monaten gewachsen war. Sie hatte gelernt, sich selbst wahrzunehmen und herauszufinden, was sie zu einem ausgewogenen Leben an Beziehungen und an Zeit für sich allein brauchte. Hatte ich sie zaghaft, wortkarg und eher schüchtern in Erinnerung, erlebte ich sie jetzt reflektiert, wortreich und voller Tatendrang. Als wir uns verabschiedeten sagte sie mir: „Auch wenn’s zu Hause sehr schön ist, freue ich mich jetzt, wieder nach Sarajevo aufzubrechen!“ Wie gut, dass sie nach ihrem Abi den Mut hatte, aufzustehen und loszugehen.

Mittendrin

Mit 14 Jahren war er unter einen Bus geraten und noch am Unfallort verstorben. Er war der älteste Sohn seiner Mutter, ihre rechte Hand. Fassungslosigkeit breitete sich aus in unserer Stadt. Ich besuchte seine Mutter. Wir hielten mit ihr und vielen Freunden das Unbegreifbare aus. Das Totengebet hinter einer Moschee und die Beerdigung auf einem muslimischen Gräberfeld bewegten mich sehr. Und doch begann für mich damit das Weihnachtsgeheimnis. An diesem Fest sagt Gott uns in Jesus: „Bin da – in diesem Kind. Bin einer von euch und freue mich über jeden, der kommt und dann auch da ist. Und so gilt meine Botschaft einem jeden: Gut, dass du da bist!“ Und so war es auf dem Friedhof. Ich war einfach da – mit vielen anderen – und in diesem immensen Leid durften ich in den vielen ehrlichen Gesten der Zuneigung spüren: Es ist noch ein anderer da, er, der uns versprochen hat, bei uns zu sein, wenn wir in SEINEM NAMEN, der Liebe ist, versammelt sind. Weihnachten – Mittendrin.

In der Spur Jesu

Über viele Jahre kannte ich sie. Mittlerweile war sie mit ihrem kleinen Sohn allein unterwegs. Ihre Beziehung war zerbrochen. Immer wieder hatte ich ihr einen kleinen Gruß zukommen lassen. Sie lebte mit den täglichen Mottos aus der App go4peace. Dann und wann kamen kleine Reaktionen. In der Adventszeit erreichte mich ein Gruß: „Ich bin dir von Herzen dankbar, für alles, was du mir in all den Jahren – bewusst oder unbewusst -  persönlich oder über die go4peace-App ins Herz gegeben  hast. Ich bin heute die Frau, die Jüngerin Jesu, die ich bin – auch wegen dir.“ Mein Herz füllt sich mit Dankbarkeit. Einen kurzen Augenblick bete ich. Dann geht der Tag weiter, denn es gilt ja: „Lieben, das können wir immer!“

Geduld

Nach hoffnungsvollen Begegnungen mit einer polnischen Sprachgruppe hatten wir uns entschieden, das Logbuch „Mein Leben – windschief und glänzend“ in die polnische Sprache zu übersetzen. Nach Monaten intensiver Arbeit stand das Projekt kurz vor dem Abschluss. Das Buch konnte gedruckt werden. Doch dann kamen leichte Anfragen auf und wir spürten, dass der Prozess an Dynamik verlor. Zudem wurde eine der Hauptfiguren auf polnischer Seite krank. Was sollten wir tun? Immer wieder suchten wir den Kontakt, ohne irgendwelchen Druck aufzubauen. Dann ergab sich ein Gespräch mit der Hauptverantwortlichen auf unserer Partnerseite. Alle Mühen und Schwierigkeiten kamen ans Licht. Viel Unerwartetes war geschehen. Wir machten Mut, untereinander das Gespräch zu suchen und aufzuzeigen, wie weit wir schon auf dem Weg gemeinsam gegangen waren. Dann mussten wir es von unserer Seite aus den Händen geben. Zwei Tage warteten wir auf eine Rückmeldung. Dann kam die Botschaft: „Die Entscheidung ist gefallen. Wir drucken!“

Sie lebt!

Wir hatten uns zu einem adventlichen Zoom-Meeting mit ehemaligen Camp-Teilnehmern aus neuen Ländern Europas getroffen. Wo bin ich angekommen und was habe ich für mich und meinen Glauben gelernt“, waren unsere Leitfragen. Eine junge Frau aus Albanien, mittlerweile verheiratet, erzählte von dem Schmerz, sich von ihrer Oma nicht mehr verabschiedet haben zu können, bevor sie starb. „Und dabei habe ich so viel von ihr gelernt.  Sie hat mich gelehrt, zu leben, zu glauben, zu beten und zu lieben. Ich bin ihr so dankbar für all das. Lange habe ich mich immer wieder gefragt:  Warum ist es mir nicht geschenkt worden, mich zu verabschieden? Doch wenn ich heute zurück schaue, dann spüre ich, wie sie mir auf eine ganz neue Art und Weise nahe ist. Wenn ich bete, dann ist sie da. Sie ist nicht weg. Sie hat gelebt und sie lebt heute weiter. Diese Entdeckung hat mich tief berührt und dankbar werden lassen. Jetzt verstehe ich, dass Gott mir durch den Schmerz eine ganz neue Dimension offen gemacht hat. Ja, im Dunkel, wenn wir nichts mehr spüren und sehen, so habe ich gelernt, sind wir eingeladen, blind zu glauben, dass Gott etwas Großes entstehen lässt, was wir aber noch nicht spüren!“

Unerwartet

Wir hatten uns auf den Weg nach Dresden gemacht, um dort im Ordinariat der Diözese das Projekt „navi4life – Navigier dich ins Leben“ vorzustellen. Wer und was uns erwarten würde, war unklar. Voller Vertrauen waren wir in der Frühe des Tages gestartet. Es erschienen neun hochinteressierte Mitarbeitende aus dem Bereich der Schule, der Pastoral und der Kinder- und Jugendarbeit. Zwei spannende Stunden wurden uns geschenkt. Ein pensionierter Mitarbeiter eines Gymnasiums war zeitlebens selber hochengagiert für junge Leute unterwegs gewesen und war es noch. Als wir uns verabschiedeten, sagte er: „Wir sind uns nicht umsonst begegnet, ich werde mich auf jeden Fall nochmals melden. Eure Absichtslosigkeit im Umgang mit jungen Leuten hat mich fasziniert!“

Weihnachten – mitten im Alltag

Die Begegnung mit einer jungen engagierten muslimischen Lehrerin klang noch nach in mirf. Wir hatten gemeinsam eine sehr lebendige Erfahrung mit ihrer Klasse 7 machen können. „Das war eine echte Friedensinsel, die wir erlebt haben!“ ließ sie mich wissen. Wenige Tage später schrieb sie: „Ich wollte die Welt im großen Stil verändern und dachte, dass ich Großes auf die Beine stellen muss, bis ich erkannt habe, dass die große Veränderung im Kleinen beginnt - in der Begegnung mit Kindern, Jugendlichen. So habe ich mein Glück gefunden. Wir bauen diese Brücken gemeinsam, alle zusammen, in unseren Klassen, in unseren Gemeinden, auf der Straße, wenn wir uns einfach nur anlächeln und grüßen.“ Später durfte ich lesen: „Mit muslimischen Freunden haben wir uns zu Weihnachten beschenkt. Die Aufgabe war, zu benennen,  welche schönen Namen Gottes ich in meinem Gegenüber sehe. Und weißt du, wenn ich – nach unserer gemeinsamen Erfahrung an meiner Schule mit dir - an dich denke, dann sehe ich Gottes Barmherzigkeit und Güte ‚al-rauf‘, seine Sanftmut ‚al-latif‘, seine Stärke und Würde ‚al-aziz‘. Wenn wir Gottes Namen so widerspiegeln in unseren Begegnungen, wird die Welt zu einem schönen Ort.“

Warten in der Kälte

In einer Mail las ich: „Ende des Monats bin ich mit der Bahn von Rom nach Deutschland gereist. Aufgrund eines ausgefallenen Zuges und allerhand Verspätungen kam ich nicht, wie geplant, um 20.44 Uhr an, sondern um 23.28 Uhr. Zwischendurch hatte ich via WhatsApp die jeweils aktuelle Ankunftszeit meinen Mitbrüdern durchgegeben, weil mich einer am Bahnhof abholen wollte. Als ich schlussendlich müde ankam, war keiner da. Ich war niedergeschlagen, telefonierte und hörte, dass einer auf dem Weg sei. Ich war in Versuchung, meinem Ärger (über das Warten-Müssen im Kalten) Luft zu machen, dachte aber dann an das biblische Wort ‚Selig, die Frieden stiften!‘. So wäre ich kein Friedensstifter! Und dann wurde mir bewusst, dass der andere seine Nachtruhe wegen mir verschoben hatte und ich konnte einfach dankbar sein….

Eine göttliche Umarmung

Eher beiläufig waren wir einander bei einem Treffen in der Bistumsstadt begegnet. Zwei junge in kirchlicher Jugendarbeit engagierte Studentinnen erzählten mir von all dem, was sie an Aktivitäten verantworteten. Als ich sie fragte: „Was würdet ihr als Antwort auf die Frage ‚Wer ist Gott für mich?‘ auf einen kleinen Zettel schreiben?“ schauten sie mich mit großen Augen an. „Boh, gar nicht so einfach, eine Antwort zu finden, aber für mich ist Gott irgendwie ganz, ganz nah und dennoch weit weg, weil unbegreifbar.“ Unser Austausch wurde immer lebendiger. Als sie mich nach meiner Arbeit fragten, erzählte ich ihnen von den Logbüchern, die wir für Jugendliche entwickelt haben, um sie stark zu machen für ihr Leben. Ich versprach ihnen, ein Exemplar der Bücher zuzusenden. Am nächsten Tag las ich in ihrer Botschaft:  „Wir haben uns sehr gefreut, dass wir dich kennenlernen durften und haben ganz viel aus unserem Gespräch mitgenommen. An dieser Stelle möchte ich nochmal sagen, wie wichtig eure Arbeit ist und man merkt, wie viel Herzblut darin steckt, danke für deinen und euren Einsatz. Wir freuen uns schon auf die Logbücher und sind gespannt. Die Konzepte von navi4life bieten sich wirklich perfekt an für unsere Firmvorbereitung.“ – In diesem Augenblick fühlte ich mich von Gott umarmt!

Oasen des Friedens

Für eine Podiumsdiskussion zum Thema „Demokratie – bedroht?“ hatte ich einen weiten Weg in eine Studentengemeinde auf mich genommen. Zu viert saßen wir im Podium  und diskutierten über die Situation und die politischen Orientierungen junger Menschen in unserem Land. Nach einem sehr ehrlichen und offenen Austausch wurden wir am Ende gefragt, was wir uns für unsere Demokratie wünschten. Ich spielte – auf eine Geschichte von Martin Buber zurückgreifend – die Frage ein: Wann ist das Ende der Nacht? Seine Antwort: Wenn wir im Gesicht jedes Fremden die Schwester und den Bruder entdecken. Nach mir bekam eine hochengagierte muslimische Lehrerin das Wort. Mit großen Augen, die auf ihr inneres Angerührt-Sein schließen ließen, sagte sie – auch meine Aussage anspielend: „Überall, wo wir einander mit großer Ehrlichkeit, Offenheit und Wertschätzung begegnen, da entstehen ‚Oasen des Friedens‘. Unsere verschiedenen Beiträge ließen mich den lebendigen Gott in der Mitte seines Volkes, zu dem alle gehören, spüren.

In der Warteschlange

Zwei Pakete mussten noch zur Post. Als ich dort ankam, reihte ich mich in eine lange Schlange ein. Stumm standen alle Wartenden ein wenig gelangweilt und ungeduldig hinter einander. Mein Blick fiel auf eine ältere Frau, die mit ihrem Rollator unterwegs war. Sie versuchte vergeblich ein Paket, das sie geholt hatte, in eine Einkaufstasche zu manövrieren. „Darf ich Ihnen helfen?“ fragte ich sie vorsichtig. Erstaunt schaute sie mich an. Nach wenigen Augenblicken war das Päckchen in der Tasche verstaut und auch ein zweites Päckchen bekamen wir noch gut in dem Vorhängekorb ihres Rollators unter. „Das war aber jetzt schön! Jetzt gehe ich ganz froh nach Hause!“ ließ sie mich wissen.

Als alte Oma

Im Sommer war es zu einer sehr lebendigen Begegnung mit einer 85-jährigen Frau gekommen. Jetzt schrieb sie mir über einen Besuch bei ihrer Nichte. Deren jüngster Sohn hatte sich zur Firmung angemeldet. Seine Oma war sich nicht sicher, ob sie ihm mit dem Geschenk der Logbücher, die ich verfasst hatte, eine Freude machen würde. Der Jugendliche hatte sich geweigert, einen Text in der Feier der Firmung in der Kirche vorzulesen. Dann hatte er den Text seiner Oma gezeigt. Auch ihr missfiel dieser Text. So bat der Jugendliche seine Oma, den Text gemeinsam zu überarbeiten. Die beiden investierten viel Zeit und Liebe, bis am Ende ein guter Text herauskam, den der junge Mann dann auch in der Feier vortrug. Die alte Frau schrieb: „Bei der Arbeit mit dem Text konnte ich meinen Enkel gut kennen lernen, denn er hat sich mir sehr geöffnet. Ich spürte, dass die Logbücher genau seinen Horizont treffen würden. So habe ich sie ihm geschenkt. Es war so schön, als ‚alte Oma‘ meine Glaubenserfahrungen an meinen Enkel weitergeben zu dürfen!“

Im Rückspiegel

Auf dem Weg zu meiner Mutter wurde ich aufgrund einer Verkehrssituation durch viele kleine Dörfer geleitet, durch die ich lange nicht mehr gefahren war. Es war nachmittags gegen 16 Uhr. Am Straßenrand in einem der Dörfer stand ein kleines Mädchen mit einem großen Schulranzen und einer Mütze, die sie sich tief ins Gesicht gezogen hatte, denn es war kalt. Ich konnte so gerade ihre Augen erblicken. Sie kam als Fahrschülerin gerade von der Schule. Obwohl weit und breit außer mir kein Auto zu erblicken war, stoppte ich und winkte die Kleine freundlich über die Straße. Sie begann ebenfalls zu winken und strahlte mich an. Auch als ich weiterfuhr sah ich im Rückspiegel, dass sie mir immer noch weiterwinkte. Der Blick und die Freude dieses Kindes hatten mein Herz tief erreicht und berührt. Meine Gedanken und meine Freude verwandelte sich in ein Gebet für diese kleine Erdenbürgerin.

Kleiderfrage

 Sie hatte sich entschieden, sich firmen zu lassen und kam von weit her. Sie kannte kaum jemanden aus unserer Stadt und als eine Freundschaft zerbrach, war der Entschluss klar, aufzuschieben. Eine Botschaft mit diesem Inhalt hatte sie jedoch schnell wieder gelöscht, weil sie ein Drängen spürte, nochmals darüber nachzudenken. Am nächsten Morgen war klar: „Ich will mich firmen lassen und zwar jetzt!“ Wir telefonierten. Am Ende kam ihre Frage auf: „Was ziehen denn die Mädels bei so einer Feier in eurer Gegend an?“ Ich musste schmunzeln, war ich doch mit dieser Frage überfordert. So kam mir die Idee, diese Frage an vier Mädchen aus der Schar der Firmbewerberinnen weiterzuleiten und sie wissen zu lassen, dass sie mit ihrer Antwort einem gleichaltrigen Menschen in großer Entfernung weiterhelfen konnten. Nach fünf Minuten waren alle Antworten da und ich konnte sie weiterleiten. Die Antwort: „Sehr, sehr lieb! Danke für eure Hilfe!“

Vitamine für den ganzen Tag

 Ich hatte gerade das Frühstück für meine Mutter und mich zubereitet, als schon eine Pflegehilfe kam, die einmal wöchentlich vorbei schaut. Sofort stellten wir uns um auf sie. Sie wirkte ein wenig bedrückt und erzählte von ihrer Arbeit bei „der Tafel“, wo mehr und mehr Menschen kamen, um Nahrung zu erhalten. Ein kleiner Junge war gekommen und hatte nach einer Möhre gefragt. Gern hatte sie dem Jungen diese Möhre gegeben. „Du kannst dir auch zwei nehmen!“ hatte sie ihn ermutigt. Ganz schüchtern fragte der Kleine: „Kann ich mir auch 5 nehmen, dann habe ich für jeden Schultag etwas für die Pause!“ – Wie sehr bewegte uns alle diese Erfahrung. Als die junge Frau nach einer Viertelstunde wieder ging, gab ich ihr einen Beutel voller Mandarinen. „Was für ein Geschenk!“ rief sie. „Ich muss heute nach der Arbeit noch über eine Stunde mit dem Auto fahren, da ich mir eine Bandscheiben-Spritze abholen muss. So komme ich erst spät nach Hause und habe noch nichts gegessen. Jetzt habe ich Vitamine für den ganzen Tag!“ Mit einer Freude im Herzen verabschiedeten wir uns.