Wag dich!

stritzke_katharinaWas für mich das Evangelium bedeute, wurde ich gefragt, und wie ich es kennen und schätzen gelernt habe. Meine Gedanken wanderten sofort in eine Zeit, die für mich von Trauer und Verlust geprägt war. In dieser Zeit habe ich die Entdeckung gemacht, dass die Worte des Evangeliums wie eine Planke sind, die mich nicht haben “untergehen” lassen. Ja mehr noch: Ich hab erfahren dürfen, dass alle Augenblicke, in denen wir (uns selbst vergessend) geliebt haben, ewig bleiben und irgendwie “von innen her” froh machen. Anders kann ich das gar nicht beschreiben. Und was mir das Evangelium für meinen Alltag bedeutet? Am besten erzähl ich einfach, welches Licht und welchen Mut mir die Worte gerade in den letzten Tagen wieder gegeben haben. Aber eins nach dem anderen:

Als Studentin bin ich vor kurzem in eine WG gezogen. Meine Mitbewohnerin ist allerdings zurzeit selten zu Hause. Sie hatte mir erzählt, dass sie Theologie studiert, aber wir hatten noch nicht die Gelegenheit gehabt, uns näher kennen zu lernen. Als ich gestern Abend um 11 Uhr aus dem Büro kam -  wir haben augenblicklich  wahnsinnig viel Arbeit -  hab ich es gewagt,  meiner Mitbewohnerin all das zu erzählen, was meinem Nachmittag geprägt hatte...Später fragte sie mich, ob ich ihr einen Wecker leihen könnte, weil ihre Batterien leer seien. Ich wollte ihr mein Handi als Wecker leihen und versicherte ihr en passant noch: “Das Tages-Motto, das ich jeden Tag zum Tagesevangelium bekomme, kommt nicht vor sieben Uhr!”

Heute kam sie freudestrahlend von ihrer letzten Klausur zurück. Wir hatten unverhofft  Zeit, miteinander zu reden. Als wir bei mir auf dem Sofa saßen, erzählte sie, dass sie mal im Nangina-Büro vorbeischauen wollte. Nangina ist ein Hilfsprojekt, bei dem ich mitarbeite. Während sie erzählte, schaute sie immer zu den bunten Monatskarten, des Netzwerkes “Jesus beim Wort genommen”.  Ich hatte sie alle an meine Wand geklebt. Aber ich hab nichts dazu gesagt und hoffte zugleich insgeheim, dass sie nichts dazu sagen würde.

In diesem Augenblick fiel mir unser Tagesmotto ein: "Wag dich!" Und ich  hab mich gewagt und - trotz meiner Scheu -  von den Monatsbriefen, die ich erhalte und von den Friedenscamps in  Bosnien, an denen ich schon teilgenommen habe, erzählt. Die Reaktion meiner Mitbewohnerin war alles andere als ablehnend! Sie fragte mich sogar, ob sie sich die Monatskärtchen abschreiben könne und woher ich denn die Tagesmottos bekäme... In diesen Augenblicken hatte ich den Eindruck, die gelebten Worte des Evangeliums bauen mir ein neues Zuhause

Und noch eine zweite Erfahrung:

Ich begegnete einem guten Freund, der sich sehr für ein gemeinnütziges Projekt einsetzt. Er ist auf vielen Ebenen sehr engagiert und versorgt und pflegt nebenher noch seinen alten Vater. Ich war erschrocken, wie schlecht er aussah und genau das sagte er mir auch: “Ich fühl mich so richtig schlecht und merke, wie mich der Druck und das Vielerlei  immer mehr einnimmt und fertig macht.”  Ich mache mir echt Sorgen, wie es mit seiner Gesundheit weitergehen kann, wenn er nicht deutlich zurück steckt.

Heute Morgen hab ich dann mit einer Freundin telefoniert und ihr das alles erzählt und wir haben überlegt, wie wir entlasten können. Ihr kam die Idee, dass wir ja auch mal ein Projekt-Wochenende in unsere eigenen Hände nehmen könnten, um unserem Freund “frei zu geben”. Gesagt - getan! Wir sagten alle privaten Termine an einem Wochenende ab, immer von der Frage motiviert: "Was ist denn jetzt die größere Liebe?" Nachdem wir alles geplant hatten, stieg in uns die Angst auf, wir könnten ihn ja durch dieses Planen verletzt haben. Aber ich habe zu Jesus gesagt: “Gib mir jetzt die richtigen Worte!” Dann habe ich angerufen. Seine erste Reaktion war totales Erstaunen. Er war sprachlos und begeistert und ich merkte, wie ihm ein riesiger Stein vom Herzen fiel. Nun liegt das Wochenende “in unserer Hand” noch vor uns. Ein wenig gespannt sind wir schon. Aber wir haben das Wagnis schon in Gottes Hand gelegt.

Ich bin so froh, den Weg des gelebten Evangeliums durch andere Menschen entdeckt zu haben. Die Worte Jesu sind für mich Halt und Motor geworden. Es ist echt krass, wie sehr sich mein Leben verändert hat, seit dem ich diesen Weg eingeschlagen habe.

Katharina Stritzke

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